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Holy Motors von Leos Carax

in alles Andere 04.09.2012 21:06
von Lisadill • 744 Beiträge

Tja, Alter

Leos Carax’ neuer Film »Holy Motors«
Von Peer Schmit


Es gelten die Gesetze des Surealismus: Der Humor ist das, was die Suppen, die Hühner, die Symphonieorchester nicht haben. Man hat ihn im Küchengerät signalisiert, er äußert sich im schlechten Geschmack, manchmal überwintert er in der Mode. »Holy Motors«, der neue Film des Franzosen Leos Carax, erinnert einen wieder daran. Beschworen werden die Geister der 1930er/40er: »Hollywood«, das Musical, Breton, Bunuel, der Surealismus und die Folgen, die komischen »Camp«-Unterwelten von Jean Cocteau, so Kram halt, bunt gemischt.

Der Film gibt auch Antwort auf die neulich von David Cronenberg/Don DeLillo aufgeworfene Frage, wo die protzigen Stretchlimousinen, die »Holy Motors«, nach Feierabend sind. Bei ihren Brüdern und Schwestern natürlich, um über bessere Zeiten zu plaudern. In so einer Limousine sitzt der Schauspieler Denis Lavant und kostümiert sich in einem mysteriösen Auftrag für diverse Rollen und Episoden. Er wird Monsieur Oscar genannt.

Die Limousine ist gleichsam eine Theatergarderobe und zugleich natürlich schon Teil der Bühne, mit Fenstern und Türen, die von einer Szene zur nächsten, von einer Bühne zu anderen führen. Es gibt auch keine Ebene über der Inszenierung, keinen »Alltag«, keine »Normalität«, die irgendeine – häßliche oder nützliche – Verbindlichkeit erlaubte. Schließlich ist die böseste Maske die des fürsorglichen Vaters in Alltagsaufmachung, der seine ausgesprochen hoffärtige Tochter von einer Teenageparty abholt und mit beinharter Nietzsche-Ethik die brutalste aller Sanktionen über sie verhängt: »Die schlimmste Strafe für dich ist, diejenige zu sein, die du bist.«

Die Kostümierungen sind nicht immer frei von Allegorischem. Als blumenfressender und Zigaretten verschlingender Satyr, ein Ziegenmännchen also mit Bärtchen und Pranken, platzt Monsieur Oscar in ein Foto­shooting für eine Modezeitschrift – »Vanity, vanitas, Vogue, was immer« – auf dem Friedhof sind die Gräber nicht mit bürgerlichen Namen, sondern mit Internetadressen beschriftet (»Heute: Totenwache in der Facebook-Krypta«). Der Satyr entführt das Model (Eva Mendes) in eine Höhle, läßt sich Feuer geben, verschleiert sie danach im Burka-Stil und arrangiert schließlich ein Tableau mit Attributen christlicher Ikonographie. Der Kulturwitz (heidnisch, islamisch, christlich) sieht letztlich so aus wie spätromantische, »orientalistische« Pornographie. Keine Provokation, sondern reine Reminiszenz. Das einzige, was das Carax-Zitat-Tableau von einer entsprechenden Vogue-Fotostory unterscheidet, ist das pornographische Element: der das Tableau abrundende pittoresk kräftig eregierte Schwanz des Satyrs.

Ich kann mich noch halbwegs an den vorletzten Film von Leos Carax erinnern, »Pola X« (1999), eine lose Adaption von Herman Melvilles »Pierre«-Roman, ein übles Desaster der Prätention, aber die Filmmusik war von Scott Walker. Das allein gab dem Film einen wenigstens pophistorischen Wert. Mit »Holy Motors« verhält es sich nicht viel anders, außer daß dieser Film viel lustiger ist. Er hat vielleicht nicht viel von der immer wieder herbeizitierten großen Kunst, aber er hat immerhin Kylie Minogue.

Die spielt eine Kollegin von Monsieur Oscar, also einen weiteren in so einer Stretchlimousine herumgeisternden Schauspieler, im Trenchcoat, so frisiert und geschminkt, daß sie aussieht wie eine in die Jahre gekommene Version von Jean Seberg in »Bonjour Tristesse« (Otto Preminger, 1958). Kylie Minogue und Denis Lavant spielen dann eine »Hollywood«-Musical-Szene durch. Auf Treppe und Dach eines abbruchreif verlassenen Hotels oder der Kaufhauses, ich weiß nicht mehr genau, ein exemplarischer Ort des Gespenstischen und historisch Modernen jedenfalls. Ein Liebesabschied auf einer Musical-Treppe aus einem imaginären »Hollywood«, das so ein sentimentaler Hund wie Leos Carax natürlich liebt. (Warum sonst hätte er seinen Film mit einem von Geistern bevölkerten Kinosaal beginnen sollen, in den – nach abgeschmacktester Filmtraumlogik – eine versteckte Seitentür eines altmodisch bourgeoisen Boudoirs führt, und in dem ein alter King-Vidor-Film aufgeführt wird?) Kylie Minogue singt dann einen auch irgendwie exemplarischen Popsong. Er erinnert daran, daß Popsongs von einem immer wieder neu aufzulegenden Abschied von etwas zu handeln haben, das niemals stattgefunden hat.

Ich liebe solchen Kram, aber mir ist klar, daß das allein schon Zeichen einsetzender Alterserschöpfung ist. Das Liebenswerte an »Holy Motors« ist wohl, daß dir genau das tröstend mit auf den Weg gegeben wird: Tja, Alter, diese Welt der Reminiszenzen, in der du und ich vielleicht noch vergnüglich erzogen worden sind, die liegt geplündert, geschändet, verlassen im Sterben, der erstbeste Barbar darf ihr die Münze aufs Auge legen, das Trinkgeld für den Fährmann, der sie über den Styx bringt; aber war sie nicht lustig und hatte sie nicht hin und wieder auch den Mut zu stolperndem Pathos? Kylie Minogue singt tapfer für uns alle: »Wer waren wir? Wer waren wir denn bloß?«

Man muß Carax schlicht zu Gute halten, daß er seinen Humor und sein Pathos auch gegen die eigene arrogante Sentimentalität ins Feld führt. Die Arroganz eines in dem Film im Hintergrund stetig vor sich hin faulenden Kulturpessimismus – die Stadt, die Literatur, der Pop, die Intimität, das Kino, die Grabsteinauslage und das Kaufhaus, alles wegen Geschäftsaufgabe aus Altersgründen geschlossen – kommt hier mit einem freundlichen Grinsen daher. Und nehmen Sie ruhig Ihre Kinder mit, damit sie den Kitsch der Älteren kennenlernen und wissen, »wer wir waren«.


»Holy Motors«, Regie: Leos Carax, F/D 2012, 115 min, bereits angelaufen

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