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Amerikas schmutzige Geschichte in "Django Unchained"

in alles Andere 16.01.2013 20:58
von Lisadill • 744 Beiträge

Am Bücherschrank des Sklavenhalters
Ist also Tarantino die radikale Lösung? »Django Unchained«
Von Peer Schmitt
Ein Doppelprogramm aus den neuen Filmen von Quentin Tarantino (»Django Unchained«) und Steven Spielberg (»Lincoln«) hat die New York Times am 24. Dezember aus pädagogischen Gründen vorgeschlagen, nordamerikanische Geschichte galore.

Die Filme spielen in ein und derselben Periode, »Django Unchained« in den Staaten Texas und Mississippi 1859/60 kurz vor Lincolns Wahl zum Präsidenten (November 1860) und dem Ausbruch des Sezessionskrieges (April 1861), »Lincoln« im wesentlichen 1864/65 in Washington D.C. während Lincolns kurzer zweiter Amtsperiode bis zum Ende des Sezessionskrieges und seiner Ermordung (April 1865). Nach Einschätzung der NYT geht es in beiden Filmen um dasselbe Problem, für das allerdings grundverschiedene Lösungen angeboten werden.

Wer hat noch mal die Sklaven befreit: Lincoln? Die Sklaven sich selbst? Der historische Prozeß?

Zwei Ansätze zur Problemlösung: Gesetze zum Verbot der Sklaverei verabschieden lassen (wie Lincoln) oder die gottverdammten Sklavenplantagen in den Flammen der Rache und Befreiung aufgehen lassen (wie der »entfesselte« Django bei Tarantino)?

Ist also Spielberg die reformatorische und Tarantino die radikale Lösung? Sicher ist: Spielberg nimmt zumindest die Filmgeschichte zunächst mal ungebrochen an, bei Tarantino erscheint sie selbst als wiederholt gebrochen.

Die Grundidee von »Django Unchained« ist schlicht brillant: Kein direktes Remake, aber eine Wiederaufarbeitung des berühmten Italowesterns »Django« (1966) von Sergio Corbucci als »slave narrative« mit einem afroamerikanischen Popkulturhelden – Jamie Foxx – in der Titelrolle (Franco Nero, der ursprüngliche Django, ist in einer Nebenrolle mit von der Partie).

Es geht also darum, aus dem Westerngenre unter umgekehrten Vorzeichen herauszuholen, was vielleicht immer drin war. Eine ursprüngliche Verfremdung wird dabei dankbar mitgenommen: Referenz ist ein Western zweiter Ordnung, »italo«, mit einer geheimnisvollen, speziell europäischen, manche würden sagen: heimlich linksradikalen Perspektive. Die wird durch Anleihen aus dem »Blaxploitation«-Genre noch verschärft. Und das natürlich vor dem Hintergrund des für die US-Filmgeschichte konstitutiven Problems der Repräsentation von »Race«. Das ist nicht übertrieben, wenn man den berüchtigten Film »The Birth of a Nation« (1915) von D.W. Griffith wirklich als Ausgangspunkt nimmt. In »Django Unchained« gibt es eine sehr lustige Szene, in der betont trottelhafte Mitglieder eines Ku-Klux-Klan-Mobs schimpfen, daß sie unter ihren Kapuzen nichts sehen können, und wer nochmal dafür verantwortlich ist, daß so miese Masken genäht wurden. Das ist sozusagen ein Versuch, die fatale Filmgeschichte zu korrigieren (in »Birth of Nation« »rettet« der KKK »die Nation«).

Einige der wenigen politischen Äußerungen Tarantinos zu seinem Film war, daß ihn die Sklavenplantagen des Südens an heutige Großkonzerne erinnern. Das ist grundfalsch und richtig zugleich. Historisch falsch, die amerikanische »Reconstruction« (eine Version der »ursprünglichen Akkumulation des Kapitals«, wenn man so will) bedeutete gerade das Ende der Plantagenwirtschaft. Symbolisch aber goldrichtig, wenn man als Grundzug der Analogie eine Luxusrepräsentation innerhalb eines quasi feudalistischen Gewaltsystems annimmt. In einer Szene decken viele schwarze Dienstmädchenhände eine Festtafel mit leuchtend weißen Servietten ein. Eine Welt mörderischer Hierarchien. Im Film verkörpert durch Leonardo DiCaprio als Plantagenbesitzer Calvin Candie (seine Plantage, ein Ort der Folter, des Mordes und der Luxusrepräsentation, heißt zum Hohn Candyland). Als Hobby richtet er »Mandingo fights« aus, Kämpfe auf Leben und Tod zwischen spezialisierten Sklaven (dieser Teil des Films ist eine Abhandlung zum Status des »schwarzen« Athletenkörpers als Aspekt – fortgesetzter? – Sklaverei), wenn er nicht mit einem Totenkopf unter seiner Pranke phrenologische Vorträge über die physiognomischen Merkmale rassischer Unterlegenheit hält (Hatte Hegel recht, und der Geist ist wirklich ein Knochen?). Verkörpert auch von Samuel Jackson als dessen Faktotum, einer bis ins Diabolische überspitzten »Uncle Tom«-Figur. Und nicht zuletzt indirekt ausgesprochen mit den vielen Nuancen des verdammten »N«-Worts, von der historischen Verwendung im Diskurs der Rassisten (Calvin Candie und seine Phrenologie) bis zu der im zeitgenössischen HipHop (z.B. im Beitrag von Jamie Foxx für den Soundtrack des Films).

Wer hat also die Sklaven befreit? Schon die Eröffnungsszene gibt eine doppeldeutige Antwort. Man sieht eine Winterlandschaft, Sklavenhändler zu Pferd und eine »Chain gang« von Sklaven (einer davon ist Django). Sie werden von Christoph Waltz als deutschstämmigem Kopfgeldjäger Dr. King Schultz befreit, aber nicht ganz. Er nietet die Sklavenhändler um und kauft ihnen Django danach ganz offiziell ab (um ihn später zum Partner im Kopfgeldgeschäft auszubilden). Die anderen Sklaven weist er auf ihre näheren Handlungsoptionen hin. Die Knarre liegt dort, und nach Norden geht’s da lang.

»Django Unchained« ist dann zunächst eher der Film von Waltz als von Jamie Foxx, müßte also »Doc Schultz« und nicht »Django« heißen. Foxx spielt eine popmythologische Figur (Shaft als Cowboy), Waltz eine moderne: zynischer Intellektueller unter barbarischen Umständen. In einer phantastischen Szene kurz vor seinem Abgang hat Schultz sich gerade darüber aufgeregt, daß im Hause der barbarischen Plantagenbesiter Beethoven (der Komponist der Freiheit) zur Abendunterhaltung an der Harfe geklimpert wird und schreitet zu Calvin Candies Bücherschrank. Er findet eine Ausgabe von »Die drei Musketiere« (vorher hat Candie einen flüchtigen Sklaven mit dem Namen D’Artagnan lebendig an Kampfhunde verfüttern lassen). Er dreht sich um und sagt: »Wußten Sie nicht, Alexandre Dumas war schwarz?«

Um 1860 war Dumas noch eine publizistisch und politisch tätige Person, 2013 ist es ein quasi mythologischer Name. Allein in dieser kurzen Szene zeigt sich der ganze verfremdete Historismus des Films, die Überdeterminiertheit und mithin freiwillige wie unfreiwillige Komplexität jeder einzelnen Geste. Wollen Sie also nichts weiter als einen gut gemachten Neowestern mit comicmäßigen Ultrabrutalitäten sowie guten und/oder albernen Witzen und Provokationen sehen, der in seinem letzten Drittel ein bißchen dünn wird, weil er in die selbstgestellte Falle der gut gelaunten Übertreibungen geht? Schauen Sie sich »Django Unchained« an, Sie werden es kaum bereuen.

Oder Sie brauchen ein paar Denkanstöße zu einigen der Probleme von »Race« und Geschichte und Politik, die hier angedeutet sind, und haben für einen reinen Essay-Film eher nicht die Geduld? Schauen Sie sich »Django Unchained« an, Sie werden es kaum bereuen.

»Django Unchained«, Regie: Quentin Tarantino, USA 2012, 165 min, Kinostart heute

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