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Un amour de jeunesse/ ein Film von Mia Hansen-Love

in alles Andere 26.09.2012 20:56
von Lisadill • 744 Beiträge

Immer noch: Liebe
Asozial, melancholisch, panisch und emphatisch: »Un amour de ­jeunesse«
Von Peer Schmitt


Denkst du immer noch an diesen Typen. Schon über ein halbes Jahr. Wird Zeit, daß du dir ’nen anderen suchst.« Guter Rat ist teuer. Der gute Rat stammt von der Mutter an ihre 15jährige Tochter. Er soll nichts nutzen. Die Tochter ist nicht einfach nur verschossen. Sie liebt. Das ist eine ernsthafte Sache, da kommt man nicht einfach drüber weg. Das kann Jahre dauern. Ein halbes Leben.

In Mia Hansen-Løves Film«Un amour de jeunesse«, nach »Tout est pardonné« (2007) und »Der Vater meiner Kinder« (2009) ihr dritter, geht es um eine obsessive Liebesmelancholie in einer Zeitspanne von insgesamt sechs Jahren.

Die 15jährige Camille (Lola Créton) liebt den 19jährigen Sullivan (Sebastian Urzendowsky), der aber geht lieber auf Studienreise nach Südamerika, statt zu lieben. Die Paarbeziehung ist zeitlich befristet. Anders aber die Liebe, die hört nie auf, die geht mit der Abwesenheit des anderen erst richtig los. Camille leidet also erstmal ein paar Jahre ordentlich.

Die Liebe definiert sich durch Ungerechtigkeiten, bekanntlich ist sie assymmetrisch. Anders gesagt, in der Liebe, der ganz emphatischen Liebeliebeliebe, wie dieser Film sie zeigt, gibt es keine »Paare«. Es gibt immer einen, der fortgeht oder schlicht nicht da ist, und einen, der sich jammernd zusammenrollt wie bei einer schweren Grippe (die Liebe ist nicht umsonst so oft mit dem Topos der Krankheit assoziiert worden).

Das Paar ist eine sozioökonomische Konstruktion, die Liebe hingegen ist eine bestürzende Begegnung, bei der nicht einmal wahrscheinlich ist, daß sie zu etwas Dauerhaftem führt. Die Liebe ist gewissermaßen asozial. Ewige Melancholie, sich ein Objekt als notwendigerweise immer schon verlorenes zurechtzuphantasieren, um diesen Verlust umso intensiver zu genießen. Diese Asozialität wird in dem Film in einer Szene im wörtlichen Sinn modellhaft vorgeführt. Als junge Architekturstudentin soll Camille ein Studentenwohnheim entwerfen, einen Ort des Zusammenlebens. Ihr Modell ist dann ein weitläufiges Gelände mit großen Wasserflächen, wie gemacht für lange, einsame, Rousseau-mäßige Spaziergänge, um anderen aus dem Weg zu gehen, ein Rückzugsgebiet. Kein Studentenwohnheim habe sie entworfen, sondern ein Kloster, wird ihr gesagt. Volltreffer. Das sind so die Scherze/Hinweise, aus denen dieser Film weitgehend besteht.

Er handelt nicht zufällig um die Liebesmelancholie einer jungen Architektin, der man zusieht, wie sie sich ihr Liebesmodell baut. Die Perspektive ist dabei die des Rückblicks. Die Entscheidungen sind immer schon gefallen, das Modell ist fertig. Der Rückblick hält dabei die einzelnen Stadien der Liebe (Hypnose, Depression, Neuanfang usw.) fest, die sich mit wesentlichen biographischen Stationen (Teenagerzeit, Studium, Berufsleben) überschneiden.

Wie das halt so geht: » Es gibt Liebende, die sich nicht umbringen: es ist möglich, aus diesem ›Tunnel‹, der der Liebesbegegnung folgt, herauszufinden: ich sehe wieder Tageslicht, sei es, daß es mir gelingt, der unglücklichen Liebe einen dialektischen Ausweg zu schaffen (an der Liebe festhalten, sich von der Hypnose zu befreien), sei es, daß ich unter Verzicht auf diese Liebe neu ins Rennen gehe und mit anderen die Begegnung zu wiederholen versuche, deren Blendwerk ich mir bewahre: denn sie fällt in die Kategorie der ›ersten Lust‹, und ich ruhe nicht, bis sie wiederkehrt: ich bejahe die Bejahung, ich beginne erneut, ohne zu wiederholen.« (Roland Barthes).

Im Jahr 2003 lernt Camille auf einer Studienreise ihren Lehrer, den Architekten Lorenz (Magne-Havard Brekke) näher kennen. Der lebt in Scheidung. Die beiden werden natürlich ein Paar. Das ist das Modell der »vernünftigen Beziehung«. Sie hat etwas mit Karriereoptionen zu tun. Kalkulierbaren Abhängigkeiten, einem Zusammenleben und Zusammenarbeiten, einer ökonomischen Basis, einem Tagesablauf, kurzum, die Gründung eines Hausstands, eine Architektenehe. Der Hausstand, das ist der Gegenentwurf zum Tunnelzustand der ersten Liebesbegegnung, die, wie gesagt, den konventionellen Paarentwurf auschließt.
2007 schließlich trifft sie ihre Jugendliebe wieder. Und liebt immer noch. Sie betrügt ihren Architektenmann. Aber darum geht es letztlich nicht, sondern darum, dieses Schicksalhafte, Unwillkürliche der ersten Liebesbegegnung nocheinmal durchzuspielen. ­Camille und Sullivan als Erwachsene haben keinerlei Gemeinsamkeiten, keine »gemeinsamen Interessen«, die die übliche Paarbildung motivieren, sie leben nicht einmal in derselben Stadt. Das ist dann die radikale Alternative, die Uneinholbarkeit dieses panischen Liebeszustandes, seine Unerreichbarkeit für jede Art von Alltag. Das Charmante dieses Films liegt dann darin, das nicht in irgendwelche genrehaften Exzesse zu überführen, sondern die Liebe als Selbstzweck – »die Bejahung der Bejahung« – als stille Panik einer ansonsten sehr vernünftigen, pragmatischen jungen Frau zu zeigen. Beispielhaft.

»Un amour de jeunesse«, Regie: Mia Hansen-Love, Frankreich / Deutschland 2011, 110 min, Kinostart: heute

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