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Eine Ausstellung zum Mädchenhandel von 1860-1930

in Gesellschaft 03.09.2012 07:45
von Lisadill • 744 Beiträge

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»Wie Kühe und Kälber«
Abgestempelt: Eine Doppelausstellung zum Mädchenhandel von 1860–1930 in Berlin und Bremerhaven
Von Sabine Lueken

Frauen ohne Wahlmöglichkeit: Biographien erschließen in Bremerhaven
Dorothea Louise Ludwig, ein »sehr schmuckes Mädchen« von 18 Jahren, wurde von ihren Eltern, hessischen Bauersleuten, für 1000 Gulden an das Ehepaar Schneider als Landgängerin verkauft, »zum Abnutzen«. Davon bezahlten die Eltern ihre Schulden. Schneiders betrieben Mädchenhandel zwischen Hessen und San Francisco. Dorothea Luise wurde ein »Hurdy Gurdy Girl« in Kalifornien, so nannten die Goldgräber die Tanzmädchen aus Europa. Das war 1853.

Olga Koprivec schrieb 1912 aus Zagreb ihren Eltern ins slowenische Godschee, daß dort Mädchen verkauft würden »wie Kühe und Kälber«. In einem wenig später aufgenommenen Polizeiprotokoll gab sie an, sie sei im Bordell »ganz zufrieden«.

Raquel Liberman, eine junge Frau aus Berditschew bei Kiew, folgte 1922 ihrem Ehemann mit zwei kleinen Kindern nach Buenos Aires. Kurze Zeit später starb ihr Mann. Sie arbeitete als Prostituierte und erwarb dadurch sogar ein kleines Vermögen.

Diese und zwölf weitere Biogra­phien – drei davon von Männern – bilden den Schwerpunkt der Doppelausstellung »Der gelbe Schein – Mädchenhandel 1860–1930«, die seit Ende August im Berliner Centrum Judaicum und im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven gezeigt wird – mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

An kleinen Arbeitstischen kann man in Berlin die Spurensuche des Ausstellungsteams nachvollziehen, sich mittels Ton- und Textdokumenten, Landkarten, Fotos und vertiefenden Dossiers die – chronologisch angelegten – Biographien erschließen. Allen gemeinsam ist: Die Frauen hatten keine Wahl, in »die neue Welt« zu reisen. »Mit Gewalt verschleppt, mit märchenhaften Versprechen verführt oder aus freien Stücken« gegangen – sie alle versuchten, einer ökonomisch aussichtslosen Situation zu entkommen, waren Opfer von Armut, Not und mangelnder Ausbildung, von Eltern, Zuhältern, gewissenlosen Männern und auch Frauen. Viele ihrer Spuren verlieren sich im Nichts, die Nachforschungen blieben bruchstückhaft.

Warum waren es so viele jüdische Mädchen? Die Ausstellung dokumentiert die prekäre soziale und ökonomische Situation der jüdischen Bevölkerung im russischen Zarenreich und in den östlichen Gebieten Österreich-Ungarns um 1900, wo es immer wieder auch zu Pogromen kam. Frauen hatten keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, der es ihnen erlaubt hätte, den »Ansiedlungsrayon« zu verlassen – das Gebiet in Rußland, in dem die ehemals polnischen Juden siedeln mußten: ein Streifen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Nur als Prostituierte durften Frauen in die Hauptstädte St. Petersburg oder Moskau ziehen, einige ließen sich nur deshalb registrieren. Sie mußten ihre Personalpapiere gegen das »Medizinische Billet« umtauschen, umgangssprachlich »gelber Schein« genannt. Hierauf wurden die Ergebnisse der wöchentlichen amtsärztlichen Untersuchungen gestempelt: Ein grüner Stempel bedeutete »gesund«, ein roter Stempel, daß die Frau ihre Tage hatte und deswegen keinen Geschlechtsverkehr ausüben durfte.

Um 1900 wuchs der Strom der jüdischen Auswanderer sprunghaft an, Traumziel »Amerika«. New York, Rio, Buenos Aires waren Metropolennamen mit magischem Klang. Insgesamt wanderten über 63 Millionen Europäer dorthin aus, vier Millionen Juden verließen Osteuropa.

Das Thema ist nicht nur ein historisches. In der Nähe der Berliner Ausstellung befindet sich ein stadtbekannter Straßenstrich. Eine Film- und Klanginstallation zeigt neben Aufnahmen aus Lemberg und Odessa Orte der Prostitu­tion im heutigen Buenos Aires.


Bis 30.12., Centrum Judaicum, Berlin; bis 28.2.2013, Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven

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