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#1

Jugend im Film/Berlinale

in Gesellschaft 09.02.2012 14:46
von Lisadill • 744 Beiträge

finde ich interessant!

2
Abverlangter Humor
Ablegen, was kindlich war: Ein Leitmotiv der Jugendfilmsektion
Von Peer Schmitt

Ein diskretes Leitmotiv der Sek tion »Generation 14plus« auf der Berlinale ist neutestamentarisch. Gleich in zwei Filmen der diesjährigen Auswahl wird gegen Ende, an tragender Stelle eine Passage aus dem ersten Korintherbrief des Paulus zitiert. Und beide Male von jungen Frauen, die vergleichbare Konflikte durchzustehen hatten (daß beide in ihrer Kindheit zu reichlich Bibellektüre angehalten wurden, liegt im Zentrum dieser Konflikte). Zufall oder Zeichen des literarischen Humors der Kuratoren? Wie dem auch sei, Paulus sagt (1. Kor 13, 11): »Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind, als ich aber ein Mann war, da legte ich ab, was kindlich war.« Das steht zwei Absätze vor der historisch einschlagenden Behauptung, daß die Liebe größer sei als selbst der Glaube und die Hoffnung. Und um die Liebe soll es einmal mehr gehen.

In »Joven & Alocada« (Jung & wild, Chile 2011) begleitet das Zitat eine junge Frau, die von den Eltern mit der Moraltheologie einer evangelikanischen Sekte gequält wird und sich davon bei einer Ménage à trois mit einer Kollegin und einem Kollegen entspannt (sie ist Praktikantin beim fundamentalchristlichen Fernsehen). In ihrer Freizeit schreibt sie ein ziemlich explizites Blog. Illustriert wird es u.a. von zwar graphisch verfremdeter, nichtsdestotrotz sehr signalhafter Hardcore-Pornographie (das dekontextualisierte Pornobild ist inzwischen ein klassischer Weckreiz in Filmen mit irgendwie künstlerischen Intentionen; selbst Alexander Paynes Oscar-Favorit »The Descendants« kommt nicht ganz ohne Pornowitze aus).

Ablegen, was kindlich war. Schöner als im grobianischen Lutherdeutsch klingt das in der barocken englischen Bibelübersetzung. »But when I became a man, I put away childish things«. Im Eröffnungsfilm der »14plus«-Sek tion, »Electrick Children« (USA 2012), zitiert das eine 15jährige Mormonin (Julia Garner) am Ende ihrer Reise durch ein paar biblische und popkulturelle Mythen. Sie glaubt, der Heilige Geist hätte sie geschwängert und dafür als Medium ein altes Tape mit einer Coverversion des Songs »Hanging on the telephone« benutzt (allerdings war schon die berühmte Blondie-Version des Songs nicht das Original). Dabei hatte sie selbst in ihrem Leben noch nicht mal ein Mobiltelefon in der Hand (ewiggestrige Mormonen). Das Tape hütete die Mutter im Keller als Schatz, während sie aus guten Gründen von einem roten Mustang (das mythologische Auto) in der Wüste träumt. Sex, die Theologie und das Liebesversprechen der Popkultur. Der realen Vaterschaft verdächtigt wird zunächst der eigene Bruder, verantwortlich ist aber mutmaßlich ihr Pfaffen-Vater.

Mit ihrem Bruder flieht sie auf der Suche nach der Stimme auf dem Tape, dem Heiligen Vater, ausgerechnet nach Las Vegas, wo die beiden in einer Kommune von harten Slackern und promisken Mädchen unterkommen. Sex, Drogen und Punkrock bestimmen dort den Alltag einer elektrifizierten Heiligen Familie, wie es sich gehört.

»Electrick Children« ist eine großartige Farce, die mit der Entdeckung spielt, daß nichts anderes als die Popkultur und elektrifizierte Medien das neue Evangelium sind; eine Erkenntnis, die selbst wieder fast nostalgischen Charakter hat (der Film spielt im Jahr 1996). Und wenn einer der Vegas-Slacker sich den 70er-Jahre-Kassettenrekorder der vom Heiligen Geist schwangeren jungen Mormonin anschaut, als wäre dieser wirklich ein Ding aus einer anderen Welt, weiß man, daß Jacques Lacan schon recht hatte, als er in seinem nicht unzufällig der Liebe und ihren Briefen gewidmeten »Seminar XX« (1972/73) verkündete, daß jedermann mehr und mehr das Subjekt »von gadgets, vom Mikroskop bis zur Radiotelevison« sei.

Dieser kleine Film über Popkultur als Theologie und sinnliche Begeisterung in einem hat es in sich. Das bißchen Platz hier reicht bei weitem nicht aus, auch nur einige seiner Implikationen angemessen zu würdigen. Verdammt lustig ist er auch. Humor ist ja, was die Berlinale einem normalerweise abverlangt. Und schon mit ihrem phantastischen Eröffnungsfilm macht die »Generation 14plus«-Sektion wieder einmal klar, wo es auf diesem Festival zur Sache geht. In ihrem Rahmen nämlich, wo auch sonst.
»Electrick Children«, Regie: Rebecca Thomas, USA 2012, 96 min, 10., 11., 12., 19.2., »Joven & Alocada«, Regie: Marialy Rivas, Chile 2011, 96 min, 13., 14., 18., 19.2.

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