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Black Power

in alles Andere 19.04.2013 19:36
von Lisadill • 744 Beiträge

http://www.youtube.com/watch?v=ceb6gdSSL8A

Black Power
In der Bewegung doppelt so schnell: Nina Simone zum 10. Todestag
Von Ron Augustin

Als Anfang der 1960er Jahre die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA einen neuen Anlauf nahm, war sie eine ihrer Vorkämpferinnen: Eunice Kathleen Waymon, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Nina Simone. Von Kindesbeinen an hatte sie Piano gespielt. Kaum 24 Jahre alt, war sie zum Liebling der Musikszene im New Yorker Greenwich Village geworden, bevor 1957 ihre erste LP »Little Girl Blue« erschien. Unterstützt von einer Mischung aus Bach, Jazz, Gospel, Folk und Blues, war es vor allem ihre Stimme, die es einem kalt den Rücken herunterlaufen ließ. Ihr großes Vorbild war Billie Holiday, die sie von Grund auf studiert hatte, und von der sie mehrere Songtexte übernahm. Einer davon, »Strange Fruit«, handelt vom Ku-Klux-Klan und den Leichen der Schwarzen, die von den Bäumen baumelten. Nina Simone begann, sich in der Bürgerrechtsbewegung zu engagieren, und mit Songs wie »Mississippi Goddam«, »Go Limp«, »Four Women«, »Backlash Blues«, »To Be Young Gifted And Black« und »Consummation« wurde sie zu deren musikalischer Seele. Stokely Carmichael nannte sie »die wirkliche Sängerin der Bewegung«.

Zehn Jahre nach ihrem Tod am 21. April 2003 wird nun ein Film über Nina Simone gedreht, der sie allem Anschein nach in jedem Aspekt ihres Lebens entstellt: als Musikerin, als schwarze Militante, als eine Frau die, wie auch immer, ihr ganzes Leben lang gegen Rassismus und für die Würde der Afroamerikaner gekämpft hat. »Nina«, eins der gegenwärtig in Hollywood aufgenommenen Millionenprojekte, hat seit der Ankündigung vor acht Jahren heftige Kontroversen ausgelöst und soll in diesem Jahr in die Kinos kommen. Die Kontroversen hatten weniger mit dem Inhalt als vielmehr mit der Hauptdarstellerin zu tun. Zoe Saldana, bekannt von Großproduktionen wie »Avatar« und »Colombiana«, soll demnach nicht geeignet sein, die Rolle Simones zu spielen, weil sie ihr als Lateinamerikanerin zu wenig gleiche. Nina Simone war in ihrer Kindheit damit konfrontiert, mit ihrer Hautfarbe, breiten Nase und ihren großen Lippen »zu schwarz« auszusehen, während Saldana dem exotischen Schönheitsbild der Hollywoodgesellschaft entspreche.

Die Kritik geht an dem vorbei, was in dem Film wirklich Sache ist, nämlich wie Nina Simone dort dargestellt werden wird. Das Szenario konzentriert sich weitgehend auf eine angebliche Liebesgeschichte mit einem Pfleger, Cliff Henderson, eine Episode, die sich am Ende ihres Lebens in ihrem Haus in der Nähe von Marseille abgespielt haben soll. Ansonsten wird ihr Leben und Wirken nur oberflächlich gestreift, um an dem Bild festzuhalten, das die Medien von ihr über die Jahre zusammengeschustert haben: genial, aber einsam, launig, schizophren, resigniert. Widersprüche im Leben eines Menschen müssen immer wieder künstlich in Einklang mit dem vorgefertigten Mythos gebracht werden, solange die Zeichen auf Entpolitisierung stehen.

Auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung war Nina Simone bei fast allen großen Kundgebungen, als Rednerin und als Sängerin, zusammen mit Künstlern wie Duke Ellington, Lena Horne, Sammy Davis Jr., James Baldwin und Harry Belafonte. In Konzerten konnte sie es nicht lassen, Bemerkungen zur sozialen und politischen Lage der Schwarzen in den USA zu machen, oft auf eine agressive Art und Weise, die dem Publikum kaum gefallen konnte.

In ihrer Autobiographie »I put a spell on you«, auf Deutsch 1993 erschienen als »Meine schwarze Seele«, beschreibt sie, wie sie »in der Bewegung doppelt so schnell lebte. Musik und Politik bestimmten mein Leben. Ich hatte keine persönlichen Ambitionen mehr. Ich wollte, was Millionen andere Amerikaner wollten.« Der Mord an Malcolm X 1965 »drückte meine Gedanken noch schneller in die Richtung, die ich sowieso schon eingeschlagen hatte, und zwar daß Gewalt ein unausweichlicher Teil unseres Kampfes sein würde«.

Drei Jahre später wurde auch Martin Luther King erschossen, und Nina Simone reagierte mit der LP »’Nuff Said!«, »Genug geredet«. Wie viele ihrer Freunde, befürwortete sie den bewaffneten Kampf der Afroamerikaner, Seite an Seite mit den Völkern der Dritten Welt, zur Bildung eines separaten Staats für Schwarze. 1970 verließ sie die USA, weil sie sich wegen des Krieges in Vietnam jahrelang geweigert hatte, Steuern zu zahlen und deshalb verhaftet werden sollte. Die letzte Nummer, die sie vor ihrem Exil schrieb, nannte sie »Revolution«. »And now we got a Revolution, cause I see the face of things to come.«

Enttäuscht über das Abflauen der »Bewegung« in den USA, lebte sie in den Jahren danach ziemlich zurückgezogen in Afrika und Europa. Erst 1978 fing sie wieder an, aufzutreten und Platten zu produzieren. Ihre letzte LP »A Single Woman« erschien 1993. Fast gleichzeitig wurde ein Dokumentarfilm über sie zusammengestellt, »Nina Simone: Die Legende«, der nur eine Stunde dauert, aber, gestützt auf ihre Autobiographie und vollgepfropft mit authentischen Interviews, sicher einen besseren Einblick in das Leben dieser »Hohepriesterin des Souls« verschafft als das, was da jetzt in Hollywood aufgekocht wird.


zuletzt bearbeitet 19.04.2013 19:37 | nach oben springen


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