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#1

Arme Deutsche-Ein vergleich

in Politik und Wirtschaft 15.04.2013 09:36
von Lisadill • 744 Beiträge

Arme Deutsche
Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine Stichprobe der Vermögensverhältnisse der Privathaushalte in den Euro-Ländern durchgeführt und am vergangenen Dienstag veröffentlicht. Das Ergebnis war überraschend. Das Vermögen des mittleren deutschen Haushalts war mit 51000 Euro unter allen Euroländern das niedrigste und erheblich geringer als das des spanischen (183000), zypriotischen (267000) oder Luxemburger (398000). (Der Mittelwert oder Median ist nicht der Durchschnitt, sondern der Wert, der sich genau in der Mitte der ermittelten Vermögen befindet.)

Was lernen wir daraus? Einer, der es uns sagt, ist Holger Stelzner. Er ist unter den fünf Herausgebern der FAZ derjenige, der den Wirtschaftsteil verantwortet. Er vertritt in der Euro-Krise mit Vehemenz die Position, den Südländern keine Hilfskredite zu geben und ihre Staatsanleihen nicht zu stützen. Ähnlich wie ein paar versprengte Abgeordnete von CDU/CSU und FDP hält er mit dieser Überzeugung immer dann still, wenn im Bundestag mal wieder eine Abstimmung dazu ansteht. Für Stelzner war die EZB-Erhebung über die Vermögensverhältnisse in den verschiedenen Euro-Ländern ein Fest. Er sorgte dafür, daß die FAZ ausführlich berichtete und kommentierte am Mittwoch kurz und knapp im Wirtschaftsteil der Zeitung und am Tag danach – für jene, die den Wirtschaftsteil nicht regelmäßig lesen – ausführlich im Leitartikel.

Die Deutschen, welche die Ärmsten sind, haften »in unvorstellbarem Ausmaß für Staatsschulden Südeuropas, in denen die Privathaushalte viel reicher sind«, empörte sich der FAZ-Mann. Ganz anders als sonst, wenn er den Armen rät, den Gürtel enger zu schnallen, damit sie dadurch reicher werden, setzt er sich in diesem Fall für die Ärmeren und gegen die Reichen ein. Wenn es ums Nationale geht, kann eben sogar der Erz- und Neoliberale Anwandlungen von Gerechtigkeitsgefühlen äußern – vielleicht sogar empfinden, wer weiß?

Die EZB selbst erklärt die Vermögensarmut deutscher Haushalte damit, daß Wohneigentum in Deutschland weniger verbreitet sei als anderswo. Und macht darauf aufmerksam, daß der Immobilienbesitz beispielsweise der spanischen Haushalte seit dem Erhebungszeitpunkt 2010 wertmäßig erheblich geschrumpft ist. Das mag alles richtig sein. Wichtiger wäre der Hinweis, daß die Vermögensstatistik jedes Landes von der schmalen Spitze bestimmt wird. Die Vermögenssumme der fünf oder besser des einen Prozents Superreicher jedes Landes bestimmt, was am Schluß bei Durchschnitt und Median herauskommt. Daß die Zahlen für Luxemburg und Zypern besonders hoch sind, hat damit zu tun, daß eine ganze Reihe Ausländer sich und ihr Vermögen dort angesiedelt haben. Was uns den Medien zufolge so beklagenswert arm macht, ist die Neigung der reichen deutschen Familienclans (einschließlich des sagenhaften Mittelstandes), die Gewinne aus ihren erfolgreichen Unternehmen auf hübsche Inseln wie die Bermudas oder Cayman Islands, und damit ganz aus dem Euro-Land heraus, zu transferieren.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main.


zuletzt bearbeitet 15.04.2013 09:37 | nach oben springen


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